Das Mindeste ist die Perfektion

Glosse über das Schönheitsideal

Wenn ich groß bin, möchte ich Model werden“, ist die Aussage von immer mehr Mädchen im zarten Grundschulalter. Sie tragen kleine Handtäschchen, beginnen schon, sich mit Lippenstift und Nagellack zu verschönern und kleiden sich zielsicher in der neuesten Mode, die praktischerweise bereits in der Kinderabteilung zu finden ist, sodass Mutter und Tochter im Partnerlook durch die Stadt trippeln können.

Je früher, desto besser. Das scheint die Devise von Modedesignern und den Vermarktern des in der westlichen Welt populierenden Schönheitsideals zu sein, denn in den hübschen Kleidern will natürlich auch ein schöner Körper stecken. Wie der auszusehen hat, wird uns an allen erdenklichen Orten auf jede erdenkliche Weise geradezu schadenfroh unter die Nase gerieben: zunächst einmal hat die Frau von heute schlank und zierlich gebaut zu sein, möglichst mit vorzuweisender Oberweite, schmaler Taille und weiblichen, jedoch nicht zu breiten Hüften. 90-60-90 sind die gewünschten, nein die vorausgesetzten Maße für jeden, der sich selbst als hübsch und ansehnlich bezeichnen kann.

 

Lange Beine, strahlende Haare, makellose Gesichtszüge und reine Pfirsichhaut sind natürlich ebenfalls zu erfüllende Faktoren des Schönheitsbildes - Wenn’s weiter nichts ist?

 

Überall sehen wir die Art Frau, die ebendiese Ideale zeigt. Wir sehen sie als Hauptdarstellerin in Filmen und Serien, auf Reklameschildern an jeder Bushaltestelle und auf den Titelseiten der Zeitschriften am Kiosk. Sollte sie einen Makel zeigen, ist dieser ein wesentlicher Bestandteil der Rolle, die sie verkörpert.

An dieses beschriebene Ideal der Frau ist natürlich auch die aktuelle Mode angepasst: Am schönsten sehen die verkauften Oberteile und Hosen in der Größe XS aus. Sie betonen die Vollkommenheit der perfekten Käuferin und schmiegen sich an den von der Gesellschaft und ihren Werten zurecht geformten Körper. Die Körperzonen der anderen 99% der Kundschaft werden hingegen unschön hervorgehoben und eine dringende Änderung wird angeraten. Begreift es bitte, liebe Püppchen auf der Bühne unserer Gesellschaft, dass von Individualität dringend abgeraten wird!

Wir Frauen werden in jeder für uns herausgegebenen Zeitschrift mit Lawinen an Tipps für Änderungen an uns selbst überrollt. Wir bekommen Rezepte für kalorienarmes Essen, Darstellungen von Gymnastikübungen, die unsere überflüssigen Fettpölsterchen verschwinden lassen sollen und vermeintlich gesunde und effektive Diäten, bei denen man zehn Kilo in fünf Wochen abnehmen kann. Anpassung ist schließlich alles, das haben, wie gesagt, selbst die kleinen Mädchen in der Grundschule begriffen.

 

In den aktuellen Zeichentrickserien, deren Zielgruppe Mädchen in der Vorpubertät sind, werden geradezu lächerlich unrealistische Körperbilder vermittelt. Die dort dargestellten jungen „Frauen“ sind eine groteske Verzerrung des weiblichen Körpers, bei denen die auf Männer sexuell erregenden Zonen bis ins Unermessliche übertrieben ausgeprägt sind. Riesige Lippen, große Brüste und eine dermaßen dünne Körpermitte, dass man sich als Zuschauer wirklich fragt, ob dies die richtigen Vorbilder für Mädchen sind, deren Körper sich in wenigen Jahren entwickeln werden.

 

Auch die Modepuppe Barbie, die in so vielen rosaroten Mädchenzimmern ihren Platz gefunden hat, zeigt den kleinen Mädchen bereits die gewünschten, aber leider niemals zu erreichenden Maße des weiblichen Körpers.

 

Wäre Barbie nämlich lebensgroß, wären ihr Brust-, Taillen- und Hüftumfang nicht die berühmt-berüchtigten und für die durchschnittliche Frau schon schwer zu erreichenden 90-60-90, sondern lägen in etwa bei 99-46-84 cm. Ein solcher Körper wäre nicht überlebensfähig, da abgesehen von diesen lachhaft unrealistischen Proportionen noch nicht einmal die Organe hineinpassen würden.

 

Doch was wäre ein Kind ohne Träume? So verinnerlicht der Nachwuchs wenigstens den stärksten und wichtigsten Wert, den unsere Gesellschaft ausdrückt und tief verinnerlicht hat: Das Mindeste ist die Perfektion.

 Jana Martineit

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