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Zukünftige Elite?

Eine moralische und sachbezogene Analyse: was unterm Schrich noch übrig bleibt von dem Titel "zukünftige Elite der Gesellschaft" für aktuelle Abiturjahrgänge

Wenn auf Abiturentlassungsfeiern und ähnlichen Veranstaltungen die Abiturientinnen und Abiturienten bis in den Himmel gerühmt und ihre Leistungen angepriesen werden, verschwimmt nicht selten die Grenze zwischen angebrachter Auszeichnung des erfolgreich bestandenen Abiturs und maßlosen Lobeshymnen, die brüskierte Haupt- und Realschulabsolventinnen und –absolventen nur noch als übersteigerte Arroganz wahrnehmen. Werden dann auch noch die Abiturientinnen und Abiturienten in Zeitungsartikeln oder online-Berichten als „zukünftige Elite Deutschlands“ oder Ähnliches bezeichnet, muss man sich ernstlich fragen, ob diese Aussagen noch als äußerst unbedachte sprachliche Ausrutscher oder als vollkommen inakzeptable Kommentare betrachtet werden müssen.

Zunächst liegt es nahe, zu überprüfen, auf welche Basis sich die Abschlusszeugnisse und damit die Bezeichnung eines Teiles der Gesellschaft als „zukünftige Elite“ stützen. Was bewertet man denn? Die effizienteste Strategie, zu mogeln und zu spicken? Die erfolgreichste Methode, sich bei den Lehrern beliebt zu machen? Oder den durch eigene Leistung erbrachten schulischen Erfolg, der seinerseits wiederum abhängig ist von Faktoren wie dem sozialen Herkunftsmilieu und besonderen Umständen wie langen Phasen der Erkrankung. Auch wenn wir optimistischer Weise davon ausgehen, dass man sich seine Abiturnote ehrlich verdient hat, bleibt die Basis für die Beurteilung die erbrachte Leistung. Doch ist der Traumschnitt 1,0 wirklich ein Garant für die Tauglichkeit eines jungen Menschen für das Medizinstudium, ein Beweis der besonderen sozialen Kompetenzen, der eine Eignung für den Arztberuf belegt? Anstatt die individuelle Persönlichkeit, den Menschen, hinter den Noten kennenzulernen, bleibt der Blick haften an kalten Papierstapeln, an leeren Zahlen und toten Buchstaben, die nur sehr wenig aussagen. 

Es wäre utopisch, eine vollkommene Revolution des deutschen Bildungs- und Notensystems zu fordern, denn die Tatsache, dass Deutschland eine Leistungsgesellschaft ist und in einer zunehmend technisierten und globalisierten Welt bleiben muss, lässt sich auch von Idealisten wohl kaum verleugnen. Aber dennoch sollte es Grenzen geben. Spätestens dann, wenn man 3-Jährige im Kindergarten dazu bringt, Englisch zu lernen, anstatt die Kleinen einfach Kinder sein zu lassen, ist die Zeit gekommen, diese Grenzen festzustecken. Und spätestens dann, wenn besorgte Eltern ihre Kinder ohne Rücksicht auf deren individuelle Fähigkeiten mit allen erdenklichen Mitteln aufs Gymnasium zwingen, weil Haupt- und Realschulabschlüsse entwertet werden, ist es längst überfällig, auf politischer und ökonomischer Ebene entgegenzusteuern.

Der Bildungsexpansion, dem vielfach angepriesenen Allheilmittel im Kampf gegen die Ungleichheit im deutschen Bildungssystem, haben wir letztendlich diese Entwicklung zu verdanken, denn im Rahmen der Globalisierung, der wachsenden Komplexität der Gesellschaft und des wissenschaftlichen sowie technischen Fortschritts ist eine Höherqualifizierung der Bevölkerung, die zunehmend mittlere und höhere Bildungsabschlüsse erreicht, unabdingbar. Das Gymnasium hat sich somit zur Massenschule entwickelt, das Abitur beinahe zum Abschlussstandard.  

Kann man vor diesem Hintergrund überhaupt die zahlreichen Abiturientinnen und Abiturienten als „zukünftige Elite Deutschlands“ bezeichnen? Schließlich liegt eine traurige, aber wahre Folge, die Rainer Geißler das „Paradoxon der Bildungsexpansion“ nennt, in dem Werteverlust höherer Abschlüsse, die zwar die erforderliche Voraussetzung für einen zukünftig hohen Lebensstandard bilden, diesen aber in der gestiegenen Konkurrenzsituation nicht notwendigerweise herbeiführen, denn Arbeitsplätze für niedrige Bildungsabschlüsse, die vermehrt mit Absolventen mittlerer oder höherer Abschlüsse besetzt werden, bieten nur eingeschränkte Chancen auf ein hohes Einkommen, eine gute soziale Positionierung, bessere Arbeitsbedingungen oder größeren Schutz vor Arbeitslosigkeit in der zunehmend fragmentierten Erwerbsbiografie, die einem Wandel von „lifetime employment“ zu „lifetime employability“ unterliegt, also einer Entwicklung von lebenslanger Festanstellung an einem einzigen Arbeitsplatz hin zu häufigen, Mobilität fordernden Wechseln zwischen verschiedenen Stellen an verschiedenen Orten. 

Natürlich darf man auf das bestandene Abitur stolz sein, keine Frage – aber im gesunden Maße, ohne dass man durch moralisch problematische sowie faktisch schlichtweg falsche Bemerkungen oder unbedachtes Verhalten die ohnehin schon gestiegene soziale Distanz zwischen niedrigeren und höheren Bildungsschichten ausweitet und dem Vorurteil, Gymnasiasten und Akademiker seien arrogant, noch weiteren Nährboden verschafft. Wie käme wohl auch die angebliche „Elite“, die im Anschluss tatsächlich an den Universitäten studiert, ohne Friseure, Dachdecker oder Reinigungsfachkräfte aus? Der Straßenkehrer ist mindestens genauso wichtig wie der Ingenieur und ohne den Malermeister könnte der Innenarchitekt noch so kreative Pläne zeichnen… 

Was wir brauchen, um die vielfältigen Herausforderungen der Zukunft zu meistern, ist keine in sich zerrissene und zerrüttete Gesellschaft, sondern eine starke Gemeinschaft, in der sich die Mitglieder ihrer gegenseitigen Abhängigkeit bewusst sind und für sozialen Zusammenhalt kämpfen.

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