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Tschüss Frau Schumann-Knapp

Interview anlässlich ihrer Verabschiedung

Geburtsort: München

Schulzeit: von 1956 bis 1957

Schullaufbahn: die erste Klasse in einer Grundschule in Stuttgart, 

Ab September in Bayern, 

Ab 1961 bis 1970 Gymnasium in Bayern

Studium: Erst Banklehre, abgebrochen und von 1971 bis 1977 Deutsch, Geschichte, Sozialwissenschaften, 4 Semester Latein 

Besondere Aufgaben im Schuldienst: 1988 angefangen am FJM. Alles gemacht, was anfiel: Verbindungslehrer, Fachkonferenzvorsitzender sind nur ein paar Beispiele 

 

 

Wann und Warum haben Sie sich für den Lehrerberuf entschieden? 

 

Erst mal wollte ich nach dem Abi nichts mehr mit der Schule zu tun haben. Aber Ich habe schon immer während der Schulzeit Nachhilfe gegeben. Dann habe ich diese Banklehre angefangen, die mir gar keinen Spaß gemacht hat und dann habe ich ein Praktikum an meiner alten Schule gemacht und da war ich dann nicht mehr Schüler sondern Student, und dann habe ich gesagt „Joa jetzt mache ichs.“ 

Würden Sie den jetzigen Abiturienten den Lehrerberuf empfehlen oder eher davon abraten? 

 

Ich finde man sollte immer das machen, wozu man sich berufen fühlt und wozu man Lust hat. Wo man auch das Gefühl hat, das kann ich packen. Was ich ganz schlimm finde, ist eine berufliche Entscheidung in der man 45/47 Jahre arbeiten muss, nach „Gebrauchskriterien“ auszusuchen - bekomme ich da eine Stelle, kann ich da was verdienen? Weil sich das so schnell ändert – vor fünf Jahren wurde gesagt, wir brauchen Lehrer und jetzt bekommen die Referendare keine Stellen. Also man kann nicht auf fünf Jahre hinaus planen. Wenn jemand Lust hat Lehrer zu werden und dafür das Nervenkostüm hat, dann soll er es machen. 

Welche Voraussetzungen sollten zukünftige Lehrer mitbringen? 

 

Ganz wichtig ist erst einmal die fachliche Qualifikation, weil Schüler ganz schnell merken, wenn jemand es fachlich nicht so drauf hat. Aber das zweite ist genauso wichtig, ich muss den Unterricht nicht als persönlichen Sieg oder persönliche Niederlage betrachten – die Stunde lief toll, ich war toll; die Stunde lief schlecht, Ich war schlecht. Man muss eine gewisse Distanz zu seinem Beruf rein bringen, sonst macht einen der Beruf ziemlich kaputt. Und ihr wisst ja, dass viele Lehrer vorzeitlich in den Ruhestand gehen wegen Burnout. Man sollte eine stabile Psyche haben. Und natürlich Freude an dem Umgang mit jungen Menschen haben, das hat mir immer unheimlich viel Spaß gemacht.

Sie kommen aus Bayern und haben in München studiert – Warum sind Sie nach Siegen gekommen und wie schwer ist ihnen der Wechsel von der Metropole in die „Kleinstadt“ gefallen? 

 

Ich bin nach Siegen gekommen, weil mein Mann hier eine Stelle bekommen hat und wir hatten das so besprochen, wo er eine Stelle bekommt die ihm gefällt, da gehe ich mit. Es ist mir nicht sehr schwer gefallen, weil wir schon zwei kleine Kinder hatten und ich die Großstadt sowieso nicht mehr so genossen habe. Also während der Studienzeit war sie toll – da sollte jeder junge Mensch mal in eine  Großstadt gehen, einfach um dieses „feeling“ zu erleben – dieses Lebensgefühl ist so anders. Wir sind hier sehr herzlich aufgenommen worden, obwohl jeder gesagt hat „ Oh die Siegerländer die schwätzet nix, ja, die sind so verschlossen und es regnet immer“ alles Humbug. Gut, die Stadt war am Anfang hässlich, aber sie hat sich so entwickelt, die letzten 27 Jahre. Wir gehen hier auch nicht mehr weg, wir sind jetzt Siegerländer und „fühlen uns sau wohl“ wie der Bayer sagt. 

Wie war ihr erster Eindruck vom FJM? 

 

Gemischt. Also ich hatte ja einen strengen Chef, den Dr. Schütz, den kennt ihr alle gar nicht mehr und ein alt ehrwürdiges Kollegium, da kam ich rein, war am Anfang nicht immer einfach. Aber ich hatte sehr nette Fachkollegen und mit den Schülern kam ich sofort klar. 

Denken Sie an ihre eigene Schulzeit – inwiefern haben sich die Schüler im Vergleich zu heute verändert? 

 

Ja gut, ein riesen Unterschied ist schon, dass wir nicht abgelenkt waren durch die umfassenden Medien, die es Heute gibt. Wir sind damals ans Lagerfeuer gegangen und haben Gitarre gespielt und uns natürlich auch eh betrunken. Wir haben unglaublich viel gelesen damals, weil es nicht viel gab, es gab ein oder zwei Programme im Fernsehen, danach schaltete es ab. Wir haben uns anders beschäftigt, wir waren natürlich auch viel provinzieller, waren dadurch auch auf ganz andere Sachen konzentriert. Ich würde mal sagen, dass wir uns besser konzentrieren konnten, weil wir keine Ablenkungen hatten. Aber wir haben natürlich auch unsere Lehrer geärgert – der Schülerberuf. 

Nennen Sie uns zwei Bücher, die Sie nachhaltig beeindruckt haben und die unsere Schüler unbedingt lesen sollten und begründen Sie ihre Auswahl.

 

Marlen Haushofer „Die Wand“, das handelt von einer Frau, die auf eine Berghütte fährt um dort Freunde zu treffen, die nie ankommen. Am nächsten Morgen wacht sie auf und das ganze Tal ist von einer gläsernen unsichtbaren Wand, gegen die sie mit dem Auto prallt, abgeschnitten. Sie ist ziemlich von der Welt abgeschnitten. Der Hund ist noch da und sie findet einen Jungen Stier. Und wie sie dann sich in dieser Einsamkeit zurecht findet, wie sie sich selbst existentiell in Frage stellt. Das ist ein ganz tolles Buch. 

Christa Wolf „Kassandra“, sollte jeder lesen. Die Parabel vom Widerstand einer Frau gegen die Macht – ihr seht schon es sind Frauenbücher, aber es gibt auch andere die mich beeindruckt haben. 

Denken Sie an die schlimmste Klasse, die sie je hatten! Welche Klasse war das und was hat sie im negativem „ausgezeichnet“? 

 

Soll ich das wirklich sagen? Ja, gut, das war die diesjährige EF, Kurs d4 (jetzige Q1). Ich kann mich nicht erinnern, wann ich jemals einen Kurs hatte, wo eine solche Arbeitsverweigerungsmoral herrschte, wobei das im wesentlichen die Jungs waren, eine Ignoranz und Desinteresse, und dann habe ich mir gedacht es ist „time to go“, wenn es mir nicht mehr gelingt Schüler zu packen. Dann, ich weiß nicht ob es an mir lag. Auf jeden Fall bin ich ihnen dankbar, wenn es mir den Abschied erleichtert, weil er fällt mir schon schwer. 

Welche Jahrgangsstufen haben Sie am liebsten unterrichtet? (Ober-, Mittel-, Unterstufe?)

 

Ich habe seit 1988 keine neun unterrichtet, ich war sehr viel in der Oberstufe oder oft war ich Klassenlehrerin in der fünf. Aber beide Stufen habe ich sehr gerne unterrichtet, da man bei beiden andere Fähigkeiten braucht. Es hat richtig Spaß gemacht. 

Welche Erlebnisse am FJM haben sich in ihr Gedächtnis eingegraben bzw. was waren die besten Momente ihrer Laufbahn am FJM? 

 

Als ich relativ frisch da war, war ja die Wende 1989. Bei dem Abiturjahrgang 1990, war ich Verbindungslehrerin und damals durften die Abiturienten noch richtig was machen. Wir Verbindungslehrer mussten dann hier die ganze Nacht die Vorbereitungen für den Abistreich bewachen. Da haben die Schüler aus Pappkartons und aus Möbelkartons, - wir haben sie alle angemalt - die ganze Jahrgangsstufe war da, eine Mauer gebaut und haben einen - wo sie ihn her hatten weiß ich nicht -  drei kleine Türen reingemacht und haben einen halben Trabi aufrecht dran gepeppt. Und am nächsten Morgen mussten dann durch diese drei kleinen Eingänge alle Schüler herein. Es war alles verrammelt - Grenzkontrollen. Das war ein unglaublich einprägendes Erlebnis. Und dann fand ich immer ganz toll, die Studienfahrten in der 13 – jetzt 12. Tolle Fahrten gemacht nach Prag, Dublin.

Was ich hier immer sehr geschätzt habe war die Zusammenarbeit mit den Kollegen. Dass man parallel arbeitet, dass man gemeinsam vorbereitet und gemeinsame Klausuren schreibt, weil das für die Schüler die Transparenz erhöht. 

Und das Jubiläum letztes Jahr, das fand ich großartig. 

Ein Erlebnis muss ich euch noch erzählen. Ich hatte ja dann von Bayern aus, an dem „Planstellen neutrales Länderaustauschverfahren“, allein schon der Name. teilgenommen. Und dann sollte ich an das „Jung-Stilling-Gymnasium“ in Hilchenbach, obwohl ich in meinem Antrag geschrieben hab, dass ich Stadtnah eine Stelle brauche, weil ich zwei kleine Kinder habe und nicht so weit fahren kann. Dann habe ich in Arnsberg angerufen und gesagt, dass sie mich glatt wieder beurlauben können und, dass ich auf Elternzeit gehe. Ich gehe nicht nach Hilchenbach. Und irgendwann rief mich dann der Herr Dr. Schütz an und fragte mich wieso ich mich denn nicht melde. Und ich dann ja wie denn melden? Ja, er hätte seit vier Wochen eine schriftliche Zuweisung von mir auf dem Tisch. Da sagte ich, ich hab keine. Und ich habe bis heute keine schriftliche Bestätigung, dass ich am FJM arbeiten soll. Und dann kam ich hier her und war glücklich und zufrieden und es war die beste Zeit.

Welche werden ihnen negativ im Gedächtnis bleiben?

 

Also, das hat nichts mit dem FJM zu tun. Hier sehen wir nur die Auswirkungen der Bildungspolitik, da brauch man gar nicht erst drauf eingehen. Kompetenzen ohne Ende, aber Wissen vermitteln, Hallo? Riesen große Klassen, viel zu wenige Lehrerstellen und so weiter. Das wisst ihr selber. Das hat jetzt aber nichts mit dem FJM zu tun. 

Was denken Sie: Wie werden Sie von den Schülern gesehen? 

 

Also ich denke, dass Bild ist zwiespältig, wie bei jedem Lehrer. Sie werden mich sicher in Erinnerung behalten, als strenge und konsequente Lehrerin, ich habe immer auf die Einhaltung von Regeln geachtet, aber es gibt auch eine ganze Reihe, also wenn ich an die jetzige Q1 (jetzige Q2) denke, da komme ich auch nächstes Jahr zu der Abiturfeier, das war meine letzte Klasse fünf. Da würde ich heulen wenn ich die nicht mehr sehe. Also es ist schwer. Fragt sie doch selber. 

Keine Korrekturen, keine Konferenzen, kein Unterricht – wie werden sie Ihre Zeit zukünftig verbringen?

 

Also ich gebe ja schon, seit Anfang des Jahres Deutsch Unterricht für die Flüchtlinge beim Roten Kreuz, das macht mir sehr großen Spaß. Die sind in einem Ausmaß motiviert und willig, das man nicht immer in der Schule hat und dann habe ich mindestens für drei Jahre Arbeit zu Hause, mal ausmisten und alles in Ordnung bringen. Dann habe ich Enkel, wir wollen ein bisschen Reisen und ich komme endlich wieder zum lesen. Und dann wollte ich das laufen anfange, sportliche Aktivitäten – also langweilig wird mir nicht.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir werden sie vermissen.

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